@ALBUM: brille Heinz Rudolf Kunze: Brille, 1991 Produziert von Heiner Luehrig und HRK Aufgenommen von Heiner Luehrig im Madagaskar Studio Hannover, September/Oktober 1990 HRK: Gesang, Gitarren, Keyboards, Piano Heiner Luehrig: Gitarren, Keyboards Joshi Kappl: Bass Peter Miklis: Schlagzeug Thomas Bauer: Orgel, Piano Martin Huch: Mandoline, 12-String Dick Hanson: Trompete Ray Beavis: Tenorsax, Altsax John "Irish" Earle: Baritonsax, Tenorsax, Sopransax Chris Gower: Posaune @SONG: Die Verschwoerung der Idioten Aufstehn pissen gehn schaudernd in den Spiegel sehn Donnerstag Zahnbelag ueberwiegend Niederschlag Spaet dran Dusche an kalter Strahl auf alten Mann Kaffee stark Fruehlingsquark Biber nagt am Rueckenmark Wenn das hier schon das Leben ist - was machen dann die Toten? Wer kennt sich hier aus? Wer hilft mir hier raus aus der Verschwoerung der Idioten? Radio klingt wie Klo Wirbelsturm in Mexiko UFO rammt Kanzleramt Deutschland einig Vaterlammt Tittelblatt Luegen satt Bonn die Lumpensammelstadt Zug entgleist Blutdruck beisst leider nach Diktat verreist Wenn das hier schon das Leben ist - was machen dann die Toten? Wer kennt sich hier aus? Wer hilft mir hier raus aus der Verschwoerung der Idioten? Chicken Mac schmect wie Dreck Magen schrumpft zum Leberfleck Fahrstuhl kocht Schaedel pocht wer nicht lacht wird eingelocht Stossverkehr kann nicht mehr trink erst mal den Kuehlschrank leer nimm noch den schlafen gehn ausgeknockt die Sterne sehn Wenn das hier schon das Leben ist - was machen dann die Toten? Wer kennt sich hier aus? Wer hilft mir hier raus aus der Verschwoerung der Idioten? Text: Kunze Musik: Kunze @SONG: Wenn du nicht wiederkommst Ich trinke zu laut und ich rauche zu tief und ich weiss nicht mehr wann ich zum letzten Mal schlief mein Latein ist am Ende mein Verstand ist zur Kur eine Wohnung voll Treibsand lauter Schaum auf der Uhr Die Nachbarschaft findet mich schon skandaloes und ich glaub ich werd allmaehlich allmaehlich poroes Wenn du nicht wiederkommst wenn du nicht wiederkommst uh-huh-huh-huh uh-huh-huh-huh wenn du nicht wiederkommst Ungeoeffnete Briefe wie ein Berg vor der Tuer dieses Haar in der Wanne stammt eindeutig von dir klar du hast deine Gruende und du hast ja so recht denn mein Schloss war nur Schwindel meine Witze warn schlecht Doch ich finde du solltest dich fuer mich genieren denn ich glaube ich kann bald fuer nichts garantieren Wenn du nicht wiederkommst wenn du nicht wiederkommst uh-huh-huh-huh uh-huh-huh-huh wenn du nicht wiederkommst Ich renne gegen die Waende die ich mit Herzen beschmiere und der Himmel haengt voller verstimmter Klaviere Wenn du nicht wiederkommst wenn du nicht wiederkommst uh-huh-huh-huh uh-huh-huh-huh wenn du nicht wiederkommst Text: Kunze Musik: Luehrig @SONG: Alles gelogen Dass ich dich liebe mehr als mein Leben Tag fuer Tag neu und so wie du bist Dass ich dich brauche weil du mir Kraft gibst weil du mich auffaengst und mich verstehst Alles gelogen all diese Jahre und jetzt ist es soweit jetzt kann ich nicht mehr Du faehrst mit mir an einsame Orte Du fragst: Ist es nicht schoen hier? Doch, sag ich, schoen Du kaufst fuer uns die vernuenftigsten Moebel Du fragst: Fuehlst du dich wohl so? Ich sag: Doch, pudelwohl Dass ich dich begehre deinen biegsamen Koerper auch nach so vielen Jahren noch wie am ersten Tag Dass ich dich verehre weil du mit mir viel Geduld hast deine zwei rechten Haende deine Guete und Milde Alles gelogen all diese Jahre und jetzt ist es soweit jetzt kann ich nicht mehr All diese Jahre die vor uns liegen Text: Kunze Musik: Luehrig @SONG: Kriegstanz Er sagte Kriegstanz Kriegstanz er sagte Kriegstanz Kriegstanz er sagte erst den kleinen Finger dann die ganze Hand er sagte erst die grossen Staedte dann das ganze Land er sagte erst die blonden Frauen dann die braunen Kinder er sagte morgen ausgestorben oder halbe Inder wenns ihm zu bunt wird wenns ihm zu bunt wird da kennt er nichts eisenhart er sagte Kriegstanz er sagte Kriegstanz er sagte na nananana na nananana und er sagte na nananana na nananana und er mochte seinen Namen nicht er biss sich selber ins Gesicht er trug den Fallschirmspringerschuh beim Denken gehn die Augen zu er sagte Kriegstanz er sagte Kriegstanz er sagte erst die Grenzen schliessen dann wird der Wald gefegt er sagte dann auf alles schiessen was sich noch bewegt wenns ihm zu bunt wird wenns ihm zu bunt wird da kennt er nichts eisenhart Kriegstanz er sagte Kriegstanz Kriegstanz er sagte Kriegstanz verklebter Himmel blind und krumm ganz ploetzlich kamen Leute um er sagte na nananana na nananana und er sagte na nananana na nananana und Kriegstanz Kriegstanz Text: Kunze Musik: Kunze @SONG: Brille Der kleine Junge auf dem Topf hat sonderbare Traeume: Die Augen weit wie'n Scheunentor fuer stille Zwischenraeume. Die Dinge interessier'n ihn nicht, nur ihre lange Schatten, und was sie seinem Maerchenkopf an Einsamkeit gestatten. Ein enges deutsches Zimmer unter Adenauers Himmel - Ruth Leuwerik als Titelbild, er spricht mit ihr, er kuesst sie wild, und spielt mit seinem Pimmel. Hier geht nichts mehr. Der Sack ist zu, die Claims sind laengst vergeben, der Vater kam zu spaet vom Frieg und waermt sein nacktes Leben. Die Mutter schuettet Graeber zu, naeht jede Nacht ein Sprungtuch, nennt nie das Kind beim Namen und die Maennerwuensche UNFUCH. Dad traeumt von Peter Frankenfeld und manchmal von Mephisto: "Mach's besser, Junge, sei kein Schaf. Ich bin kein Boss und bin kein Graf - nich mal von Monte Christo." Du musst besser sein, Brille, besser als der Rest. Du kriegst keinen Vorsprung, sie nageln dich am Boden fest. Sie zertrampeln deine Glaeser, sobald du sie laesst - du musst besser sein, Brille, besser, viel besser als der Rest. Ein krueppeldickes Kellerkind mit furchtbar guten Noten. Die andern spielen Fussball und belaecheln den Idioten. Sie schreiben gerne ab bei ihm, er riecht nach Kraut und Rueben, er ist nicht nicht ganz von dieser Welt, er ist ja auch von DRUEBEN. Im Radio John Lennon, auch so'n schraeger Brillenspinner, der zeigt, dass Noten Toene sind, ein Notausgang fuer'n kluges Kind, und Traeumer sind Gewinner. Du musst besser sein, Brille, besser als der Rest. Du kriegst keinen Vorsprung, sie nageln dich am Boden fest. Wie Freiwild gehetzt und gemocht wie die Pest du musst besser sein, Brille, besser, viel besser als der Rest. Jemand haelt den Vorhang fest, jamand loescht dauernd das Licht, der Dirigent liest Liebesbriefe, Porzellan zerbricht, Schwalben schneiden durch die Luft, dass Publikum traegt Helme. "Voller Bauch gibt schlechten Rat", grunzen fette Schelme - - - Der Lehrer fragt beim Abitur: Wo woll'n Sie hin auf Erden? Zum Dichter, sagt er donnernd. Na, das kann ja heiter werden. Die andern gehn zur Bundespost, er kaempft mit der Gitarre. Wenn er sie auf der Starsse trifft: Ein Hauch von Leichenstarre. Ein Maedchen kuesst ihn manchmal auf die viel zu grosse Klappe. Er schwaermt ihr seine Lieder vor, sie ist ganz hin, sie ist ganz Ohr, ansonsten nicht von Pappe. Du bist besser dran, Brille. besser als der Rest. A-Dur und vier Viertel, und Rockn Roll als Haertetest. Die andern schon scheintot, du springst aufs Podest - du bist besser dran Brille, besser, viel besser als der Rest. Text: Kunze Musik: Kunze @SONG: Was wirklich zaehlt Wenn der Mond seine Falten zwischen schwarzen Fluegeln verbirgt wenn der taumelnde Gauklerr sein Recht auf deinen Beifall verwirkt wenn die Brandung des Blutes sich muede am Herzufer bricht fuehrt kein Weg mehr nach Rom und jede Kurve beschreibt dein Gesicht Wenn das Faustrecht der Traeume alle Sorgen mit Tarnfarbe streicht wenn der Schluss zweier Haende die offenene Rechnung begleicht wenn die Sehnsucht so gross wird dass es vorne und hinten nicht reicht ueberschwemmt mich dein Laecheln und der Stern auf meinen Schultern wird leicht Was wirklich zaehlt ist nur das was zu aendern ist ist das Urteil das der Richter vergisst zu verkuenden was wirklich zaehlt (alles andere wird sich finden) was wirklich zaehlt am Abend der Welt ist alles das was du fuer mich bist Wenn der taube Torero den wilden Stier von hinten nicht hoert (seine Klinge ist rostig und auch sonst macht er alles verkehrt) wirfst du zehntausend Rosen in die Arena und verschuettest das Tier steigst hinab und sagst leise: Komm mein Held was sollen wir hier Was wirklich zaehlt ist nur das was zu aendern ist ist das Urteil das der Richter vergisst zu verkuenden was wirklich zaehlt (alles andere wird sich finden) was wirklich zaehlt am Abend der Welt ist alles das was du fuer mich bist Lass die Leute doch reden die beneiden uns bloss werden alt und gemein auf der Leiter uns wird waermer und waermer und wenn das Eis nicht mehr traegt dann schwimmen wir einfach weiter Was wirklich zaehlt ist nur das was zu aendern ist ist das Urteil das der Richter vergisst zu verkuenden was wirklich zaehlt (alles andere wird sich finden) was wirklich zaehlt am Abend der Welt ist alles das was du fuer mich bist Text: Kunze Musik: Luehrig/Kunze @SONG: Doktor Doktor Doktor meine Psychosen sind wilde Rosen der Riss wird breiter Doktor ich trage Narben in allen Farben so gehts nicht weiter Der Hamster jagt durchs Riesenrad sein duennes Fell faengt Feuer Picasso malt sein EKG und guter Rat ist teuer Doktor ich trag ein Zeichen das sollte reichen ich wills nicht deuten Doktor fuehl mich verbogen und hingezogen zu dunklen Leuten Der Irre kommt jetzt Nacht fuer Nacht in meinen Traum gekrochen er faehrt mit seinem Poebelwagen ueber mein Bett und bricht mir alle Knochen Doktor ich mache keinen Sinn mach dass ich ein andrer bin Doktor wenn du alles weisst sag mir wie der Zauber heisst die Stadt hier ist zu klein fuer uns sie muss sich jetzt entscheiden Doktor Doktor Doktor Doktor einer von uns beiden Doktor ich werde aelter mein Blut wird kaelter ich kanns kaum glauben Doktor gib der Hyaene die grossen Plaene eh sie verstauben Ich hab die Zukunft nicht gewollt ich wart fuer alles offen ich trinke ja nicht weils schmeckt Herr Doktor ich bin einfach lieber besoffen Doktor ich mache keinen Sinn mach dass ich ein andrer bin Doktor wenn du alles weisst sag mir wie der Zauber heisst die Stadt hier ist zu klein fuer uns sie muss sich jetzt entscheiden Doktor Doktor Doktor Doktor einer von uns beiden Text: Kunze Musik: Luehrig @SONG: Der Abend vor dem Morgen danach Komm in meine Arme, wag dein ganzes Glueck. Fall mir in die Haende, schau nicht mehr zurueck. Wirst ein Raub der Falmmen, wenn's dich traurig macht. Brenn an beiden Haenden, leuchte durch die Nacht. Erinner' mich dran in tausend Jahren, was ich dir heute versprach: Dies wird der Abend, dies wird der Abend, vor dem Morgen danach. Lass uns nicht mehr warten, keuse keucht die Uhr. Keiner, der allein ist, findet unsre Spur. Keine Angst vor Wuenschen, keine Angst vor Gier. Uns bewacht ein Engel und ein wildes Tier. Erinner' mich dran in tausend Jahren, was ich dir heute versprach: Dies wird der Abend, dies wird der Abend, vor dem Morgen danach. Sag, was darf ich sein fuer dich, nenn mir Zeit, Gestalt und Ort. Wenn die Haendler dich belagern - nur ein Wink, ich jag sie fort. Leben wie ein langer Kuss ... komm und ueberquer den Fluss ... Erinner' mich dran in tausend Jahren, was ich dir heute versprach: Dies wird der Abend, dies wird der Abend, vor dem Morgen danach. Text: Kunze Musik: Luehrig @SONG: Tausendschoen Du bist zur Tuer gegangen du hast an nichts gedacht es hat geklingelt du hast aufgemacht der Mann mit der Pistole sieht aus wie du und ich erst will er dein Geld und dann will er auch dich Er treibt dich durch die Wohnung er schlaegt dich gruen und blau er zwingt dich zu tanzen er nimmt dich zur Frau er giesst dir heisses Wasser ins gefesselte Gesicht du schreist nein ich traeume das gibt es doch nicht Tausendschoen Schaum vor dem Mund Tausendschoen gepruegelter Hund Tausendschoen kommst von weit her Tausendschoen Tropfen im Meer Du oeffnest die Augen von Zittern geweckt wer hat diesen Saeugling in deinen Kissen versteckt schneeweiss schweissgebadet er steht unter Strom dies ist nicht deine Wohnung dies ist ein brennender Dom Eine Prozession von Schweinen du schliesst dich ihr an ein Choral faellt vom Himmel vorneweg geht der Mann nur an ihn kannst du denken wullst ihm aus der Hand fressen dieser Saeugling vermisst dich doch du hast ihn vergessen Tausendschoen Bruecken gesprengt Tausendschoen Schiffe versenkt Tausendschoen Lichtspruch ins All Tausendschoen Adern wie ein Wasserfall Tausendschoen Tausendschoen Text: Kunze Musik: Kunze @SONG: Stirnenfuss Fiebernde Propheten machten Geld aus kleinen Kindern, Muenzen aus den Zaehnen und Scheine aus der Haut. Hungrige Soldaten saugten Traenen aus Gewehren, kaempften mit den Schatten und der Wind war laut. Mannequins in Federn trugen wuergend enge Guertel, beteten am Telefon und nippten Lotustee. "Wozu gab man euch neun Leben? Seid ihr nicht unsterblich?" schrieb ich und beruehrte sie - da waren sie aus Schnee. Ungelesene Buecher brannten fauchend in den Bueschen, totgeglaubten Feinden ging es nie zuvor so gut. Schlote rissen Wunden in den Eierschalenhimmel, Schluesselloecher waren informiert und spuckten Blut. Affen hinter Windschutzscheiben zuckten unter Stromschocks, eine Hand am Radio, die andre am Geschlecht. Grau geborne Bettler fielen singend auf ein Fliessband, Folterknechte waren zu sich selber zu gerecht. Ich ging weiter, ohne Ziel und ohne Gruss, mit meinem Stirnenfuss. Lebensmuede spritzten Testamente in die Meere, schrieben sich mit Asche ein ins Waelderbuch. Astronauten rieben sich die Augen, als sie lasen: Letzter Boeser Wille und den Opfern Fluch! Fackeltraeger loeschten,Beduinen bauten Deiche, Segelflieger spaehten nach der Sturmflut aus. Ballerinen uebten den Spagat auf Bebenrissen, wehe dem, der schwach war und allein zuhaus. Ich ging weiter, ohne Ziel und ohne Gruss, mit meinem Stirnenfuss. Ich ging weiter, und mit jedem Schritt verschwand ein Land. Ich sah dich nackt mit Freunden und mit Fremden. Du lachtest und du schworst, es sei fuer mich. Ich weinte schief und liess mich von dir kuessen. Ich glaubte dir aufs Wort und hasste dich. Ich ging weiter, ohne Ziel und ohne Gruss, mit meinem Stirnenfuss. Text: Kunze Musik: Luehrig/Kunze @SONG: Der alte Herr Ein Dorf in Suedfrankreich ein Wachturm in Polen jede Nacht wach ich auf und wir gehen sie holen Was billig und recht ist entscheidet der Sieg ihr kichernden Kinder erklaert mir der Krieg? Der alte Herr trinkt auf den Gang der Dinge auf jeden den der faulte Frieden faellt der alter Herr sitzt nie am offnen Fenster hoert Volksmusik und hasst den Rest der Welt Das Weisse im Auge des Feindes sehn heisst nichts als geduldig vorm Spiegel zu stehn Was gut und was schlecht ist ihr wisst es genau ihr seid mir zu eilig zu heilig und schlau Der alte Herr bekommt noch viele Briefe aus Paraguay postlagernd nachgesandt aus Argentinien Chile und Brasilien und neuerdings aus seinem eignen Land Kein Sand und kein Schneesturm kein Himmel kein Meer verwischt meine Spuren sie fuehren hierher Text: Kunze Musik: Kunze